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Vom umstürzlerischen Jungspund zum besonnen Konservativen

In den bewegten 1830er-Jahren steht Albert Bitzius auf der Seite der Neuerer und hat Kontakt mit den führenden Köpfen der Liberalen, unter anderen mit den Burgdorfer Brüdern Schnell: Er begrüsst den Umsturz und beteiligt sich gar aktiv daran. Doch bald schon ist Bitzius enttäuscht von den neuen Eliten, er kritisiert den unchristlichen Zeitgeist der radikalen Kräfte – und wird mehr und mehr zum Konservativen, der für christliche Ideale und Wertvorstellungen kämpft.

Unter dem Eindruck der Juli-Revolution von 1830 in Frankreich beginnt sich auch in der Schweiz eine liberale Bewegung zu formieren, die der herrschenden Aristokratie den Kampf ansagt und sich für die Etablierung einer repräsentativen Demokratie stark macht. Im Kanton Bern sieht sich das Patriziat unter dem zunehmenden Druck der Liberalen am 12. Januar 1831 zum Rücktritt genötigt und am 31. Juli 1831 wird in einer öffentlichen Volksabstimmung mit überwältigendem Mehr eine neue Verfassung angenommen, zu deren Eckpfeilern die Volkssouveränität, die Garantie der Rechtsgleichheit, die bürgerlichen Freiheitsrechte und der Schutz des Eigentums gehören.

Albert Bitzius begrüsst den unblutigen Umsturz, ja er beteiligt sich mit grossem Engagement aktiv daran. Als Vikar an der Heiliggeistkirche im brodelnden Bern wird Bitzius, wie er in einem Brief an seinen Freund Joseph Burkhalter vom 18. Oktober 1830 schreibt, «von der Theologie weg zur Politik gerissen».  

Der junge Gotthelf

Bitzius’ Zimmer in der Spitalgasse avanciert zu einer «Art Mittelpunkt», in dem Nachrichten über die sich überstürzenden Ereignisse gesammelt und weitergegeben werden. Ausserdem wird er zum Korporal in der Bürgergarde gewählt, die bei Gewaltanwendung von Seiten des Patriziats zum Einsatz kommen soll.    

Begeistert von der neuen Verfassung…
Bitzius macht sich für eine stärkere Mitsprache der Landschaft stark und steht in engem Kontakt zu den führenden Köpfen der Liberalen, den Burgdorfern Johann, Karl und Ludwig Schnell. Der Oberamtmann von Effinger bezeichnet ihn folglich auch als «einer der ärgsten Liberalen oder Radikalen».

Noch im Juli 1834 äussert sich Bitzius in einer Rede anlässlich des dreijährigen Bestehens der neuen Verfassung enthusiastisch über die erfolgreiche Revolution: «Gibt diese Verfassung uns nicht wieder, was zum Teil vor Berns Entstehen, zum Teil während dessen Bestehen verloren gegangen im Laufe von sieben Jahrhunderten, gibt sie uns nicht das, was das Christentum in der Idee ausspricht, durch das Gesetz: Gleichheit der Rechte, einen Staat, wo wir alle Brüder sind? Ist es kein Glück für alle und einen, dass dadurch die Verfassung mit eherner Stimme die republikanischen und christlichen Tugenden predigt?»


…enttäuscht von Materialismus und modernen Tendenzen
Doch schon bald zeigt sich Bitzius zunehmend enttäuscht über die neuen Eliten und die politische Entwicklung in der Republik Bern. Seinen Vorstellungen zufolge hat der Liberalismus Hand in Hand zu gehen mit christlichen Idealen und Wertvorstellungen. Oberster Zweck der neuen Staatsordnung soll seiner Meinung nach die christlich-sittliche Vervollkommnung der Gesellschaft und jedes einzelnen Menschen sein.
 
Säkularisierungstendenzen, eine zunehmende Pluralisierung der Interessen, die sich ausbreitende kapitalistische Wirtschaftsordnung mit zunehmendem Materialismus, Zentralisierungsbestrebungen von Seiten des Staates sowie die Anonymisierung der zwischenmenschlichen Beziehungen durch die allmähliche Herausbildung eines modernen Verwaltungsapparats führen dazu, dass sich Bitzius in den 30er-Jahren immer stärker vom Liberalismus entfernt. Hinzu kam, dass im Kanton Bern immer mehr die radikaleren Kräfte die Politik bestimmen. Die Radikalen macht Bitzius denn auch für alle Fehlentwicklungen und den zunehmenden antichristlichen «Zeitgeist» verantwortlich.

 
Kämpfer gegen die Radikalen
Steht er 1830 noch auf der Seite der Revolutionäre, fordert er in den 40er-Jahren Besonnenheit in der Politik und stemmt sich gegen eine weitergehende Umgestaltung von Staat und Gesellschaft. Im Vorwort zu «Zeitgeist und Bernergeist» schreibt er: «Wer mit Liebe am Volk hängt, klar in dessen Leben sieht, der muss überall mit der radikalen Politik feindlich zusammentreffen, denn dieselbe ist eigentlich keine Politik, sondern eine eigene Lebens- und Weltanschauung, die alle Verhältnisse einfasst, der ganzen Menschheit sich bemächtigen will. Durch eine eigentliche Sekte wird sie getragen, von Fanatismus, welcher den Sektierern eigen ist, werden ihre Anhänger getrieben. Ihre Parole ist Vorwärts, Fortschritt, ihr Feldgeschrei Freiheit. Wo war je bei einer Sekte Freiheit? Ist das Leugnen einer höhern Welt, das Wandeln im Fleische, das Beissen und Fressen untereinander Fortschritt, Vorwärts?» Der Kampf gegen die Radikalen und für das Christentum als Grundlage des menschlichen Zusammenlebens führt Bitzius so allmählich ins liberal-konservative Lager.  


Autor: Markus Hofer; Quellen/Literatur: Tanner, Albert: Vom «ächten Liberalen» zum «militanten» Konservativen? Jeremias Gotthelf im politischen Umfeld seiner Zeit. In: Holl, Hanns Peter/Wäber, Harald J. (Hg.): «...zu schreien in die Zeit hinein...». Bern: 1997, S. 11-60.



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