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Kunstvolle Verbindung von Schriftsprache mit mundartlichen Wörtern und Formen

Gotthelfs Werke zeichnen sich durch eine ungeheuren Bilderreichtum aus, ganz charakteristisch ist jedoch auch seine Sprache: Kein kunterbuntes Durcheinander von Schriftsprache und Mundart – sondern eine sehr bewusste und kunstvolle Verbindung der beiden Sprachen.

Unterschrift Albert Bitzius

Grundsätzlich schreibt Gotthelf Schriftsprache, lässt aber vor allem bei Beschreibungen und in der «direkten» Rede oft Dialekt-Brocken einfliessen, was der Sprache etwa Unmittelbares gibt.  


Eine Stelle aus der Erzählung «Die Rabeneltern» mag dies illustrieren. Der Schulmeister erzählt einer Bauernfamilie die Geschichte von den Rabeneltern – und beginnt dabei so: «Ich bin weit von hier daheim, im Oberland obe, wo dLauene tosen und dBäch über dFlüh uschömme, wo dGemseni uf de Gräte umespringe und dLämmergir höch id de Lüfte umeryte. Oh, es ist gar ein schönes Land, das Oberland, aber gar ein armes; da sieht gar mache Haushaltung den halben Winter durch kein Brot…»

Er will damit eine Verbindung der grossen Themen der geistigen Welt mit der bernischen Wirklichkeit herstellen, genährt durch die bernischen Dialekte von Stadt und Land.

So schreibt er einmal: «Allemal wenn ich zu einem Buch ansetze, so will ich nur ein kurzes Büchlein machen, und allemal wird ein grosses daraus, eine innere Nötigung zwingt mich dazu. Ebenso will ich nie im Dialekt schreiben, und auf den ersten zwanzig Seiten wird man wenig davon merken, nachher werde ich dazu gezwungen, ich mag wollen oder nicht.» Gotthelf macht also nicht in Folklore, sondern er greift spontan zur Muttersprache der Figuren, weil er so ihre Gefühle und Probleme direkter und besser zum Ausdruck bringen kann.
 
Allerdings werden gerade diese Berndeutsch-Partien von Anfang an durch Gotthelfs Herausgeber «bearbeitet»: Einerseits werden sie eingedeutscht: Um sprachliche Korrektheit und Einheitlichkeit zu erreichen, und weil man fürchtet, man verstehe Gotthelf sonst nicht.
 
Andererseits wird auch Gotthelfs Berndeutsch korrigiert: Weil man es verbessern will, da er die Schreibweisen recht frei handhabt und recht oft nahe bei der Schriftsprache bleibt, näher jedenfalls als es den Herausgebern offenbar recht ist! So wird plötzlich eine «Mutter» zur «Mueter» oder «üses King» zu «üses Ching». Eigentlich erstaunlich, dass der Knecht und spätere Pächter Uli nicht ebenfalls zu einem berndeutschen «Ueli» umbenannt wird!
 
Einzelne, mehrheitlich in Berndeutsch gehaltene Texte gibt es aber tatsächlich von Gotthelf: Im Neuen Berner Kalender, für den Gotthelf von 1839 bis 1844 verantwortlich zeichnet. Barbara Berger Guigon schreibt dazu: «Je stärker Gotthelf einzelne Figuren in ihrem Lebenskontext darstellt und sprechen lässt und je weniger er sich als kommentierenden und belehrenden Kalendermann einbringt, desto mehr umgangssprachliche Wendungen und Dialekt enthält der Text.» Alles in allem sind die berndeutschen Kalendergeschichten jedoch eine Ausnahmeerscheinung in Gotthelfs Texten.
 
Aber: Der Kraft des Berner Dialekts ist sich Gotthelf durchaus bewusst. In der Geschichte «Die Rotentaler Herren» schreibt er etwa: «So erzählte
Hans. Freilich erzählte er es besser, als es hier gegeben ist, denn er erzählte es in kräftigem, klassischem Berndeutsch, das besser klingt und
besser malt als das verflachte Hochdeutsch.»

«Berndeutsch» sind viele Personen-Namen, wie etwas Jakobli, Vreneli, Anne-Mareili, Anne Bäbi, Gretli, Hagelhans oder Chuderjoggi – aber auch die meist von Gotthelf erfundenen Orts- und Hofnamen, wie Liebiwyl, Nägeliboden, Vehfreude, Gutmütigen, Essigloch, Waschliwyl und andere.
 
Die weit verbreitete Meinung, Gotthelf sei Mundartschriftsteller, hat ihren Ursprung vermutlich in der Hörspiel- und Verfilmungswelle in der Mitte des letzten Jahrhunderts um und nach dem 100. Todestag Gotthelfs 1954: Die Gotthelf-Hörspiele von Ernst Balzli auf Radio Beromünster, die damals die ganze Nation um die Radioempfänger in der Wohnstube vereint, sind in einem folkloristischen Berndeutsch gehalten. Sie prägen nachhaltig das Bild Gotthelfs als mundartlichen Bauerndichter. Walter Muschg und andere Literaturwissenschafter kritisieren denn auch stark diese Mundart-Umsetzungen.
 
Die Verfilmungen durch Franz Schnyder festigen dieses folkloristisch geprägte Bild Gotthelfs zudem – auch wenn sie, ebenso wie die Hörspiele, unzweifelhaft zu einer grossen Popularisierung seiner Werke beitragen.    


Autor: Werner Eichenberger; Quellen: Bruno Boesch/Karl Fehr «Deutsche Literaraturgeschichte in Grundzügen», Francke Verlag Bern und München; Werner Wider «Der Schweizer Film 1929-1964» Band 1, Limmat Verlag Zürich; Barbara Berger Guigon / Stefan Humbel / Thomas Richter / Christian von Zimmermann «Jeremias Gotthelf und sein Neuer Berner Kalender» – Jahresausstellung der Gotthelf-Stube, Edition HKG Jeremias Gotthelf Universität Bern; Wikipedia

Originalmanuskript
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