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Der Filmer, der Gotthelf populär machte

Franz Schnyder schreibt mit seinen Verfilmungen von fünf Romanen Gotthelfs Schweizer Filmgeschichte: Jeder Streifen wird zum Publikums-Erfolg. Trotzdem bleibt ihm die Anerkennung der Kritik versagt – und den Filmen, welche die Kritik lobt, bleibt das Publikum fern. Erst nach seinem Tod anerkennt der «Neue Schweizer Film» die Qualitäten der Schnyder-Filme.
 
Als Sohn des Ingenieurs Max Schnyder und der Fanny Louise, geb. Steiner, kommt Franz Schnyder am 5. März 1910 in Burgdorf zu Welt. Sein Zwillingsbruder wird Anwalt und später Diplomat; er vertritt die Schweiz unter anderem in Moskau und Washington, 1958 wird er ständiger Schweizer Beobachter bei den Vereinten Nationen.
 
Franz besucht das Gymnasium in Burgdorf und durchläuft nach der Matura eine Schauspielausbildung in Deutschland. 1932 erhält er ein erstes Engagement in Mainz, nach 1933 arbeitet er als Schauspieler und Regisseur in Breslau, Münster und St. Gallen. 1936 wirkt er am Deutschen Theater Berlin und 1938 an den Münchner Kammerspielen.
 
1939, nach Ausbruch des Zweiten Weltkrieges, kehrt Schnyder in die Schweiz zurück und rückt in die Armee ein. Noch im gleichen Jahr erhält er einen Regievertrag am Schauspielhaus Zürich. Auch am Stadttheater Bern ist er als Regisseur tätig, ebenso am Theater Basel, an dem er 1944 zum Schauspielleiter ernannt wird.

Gilberte de Courgenay

1941 dreht Franz Schnyder seinen ersten Film für die Praesens Film: Er ist Regisseur der patriotischen Produktion «Gilberte de Courgenay», die ganz im Zeichen der geistigen Landesverteidigung steht und zu einem der populärsten Filme der Schweiz wird.





Das berühmte Lied aus dem Film


Wilder Urlaub

Seinen nächsten Spielfilm «Wilder Urlaub», basierend auf einem Roman von Kurt Guggenheim, dreht er 1943: Er erzählt von einer schicksalhaften Nacht des Mitrailleurs Hermelinger, der im Aktivdienst seinen vorgesetzten Wachtmeister erschossen hat. Im Stil des «film noir» gehalten, wird der Streifen um das Thema der Desertation von der Kritik sehr positiv aufgenommen, fällt beim breiten Publikum jedoch durch.

Nach diesem Misserfolg erhält Schnyder einstweilen keine Regieaufträge zu Spielfilmen mehr. Er dreht nun Werbefilme und Dokumentationen, unter anderem einen Beitrag zu einer gross angelegten, aber dann doch nie fertiggestellten 6-teiligen Dokumentarfilm-Reihe zum Thema «lebendige Demokratie». Er trägt den Titel «Der Souverän»; Schnyder dreht in seiner Heimat, dem Emmental - und wir spüren bereits etwas von der Atmosphäre seiner späteren Gotthelf Filme.   


«Der Souverän», Dokumentarfilm über die Wirkungsweise der Demokratie in der Schweiz.


Ein neuer Abschnitt in der Karriere Schnyders beginnt dann 1954.    

Nach 1950, um den 100. Todestages von Gotthelf bricht in der Schweiz ein richtiges «Gotthelf-Fieber» aus, zuerst machen die Mundart-Hörspiele von Ernst Balzli am Radio Beromünster Furore, später folgen die Verfilmungen.
 
1954, zum 100. Todestag Gotthelfs, dreht Franz Schnyder «Uli der Knecht», ein Jahr später die Fortsetzung «Uli der Pächter», beide mit Hannes Schmidhauser und Liselotte Pulver in den Hauptrollen – und beide werden zu grossen Publikums-Erfolgen.
 
1955 folgt «Heidi und Peter», der erste Schweizer Farbfilm, nach der Geschichte von Johanna Spyri, ein anspruchsloser und harmloser Kinder- und Heimatfilm, so die Kritik. Dies kümmert das Publikum wenig: Der Streifen wird zum grossen Renner.

Heidi und Peter

1957 dreht Schnyder «Der 10. Mai» – mit einer absoluten Top-Besetzung: Es spielen unter anderen Therese Giese, Linda Geiser, Emil Hegetschweiler, Max Haufler, Fred Tanner, Hans Gaugler, Heinrich Gretler und Gustav Knuth! «Der 10. Mai» ist ein früher Versuch, die Geschichte der Schweiz im 2. Weltkrieg filmisch aufzuarbeiten. Der Film wird von der Kritik sehr gelobt, wiederum bleibt ihm aber der Publikumserfolg versagt. Schnyder verliert viel Geld, dreht er den Film doch mit seiner eigenen Firma.

Der 10. Mai

Enttäuscht wendet sich Schnyder erneut Gotthelf zu: In seiner «Neue Film AG»  entstehen 1958 «Die Käserei in der Vehfreude», 1960 «Anne Bäbi Jowäger», 1. Teil «Wie Jakobli zu einer Frau kommt», 1961 «Anne Bäbi Jowäger», 2. Teil «Jakobli und Meieli», ein Jahr später die erste Gesamtfassung von «Anne Bäbi Jowäger», 1964 «Geld und Geist», der einzige Gotthelf-Film in Farbe, und 1978 die zweite Gesamtfassung «Anne Bäbi Jowäger».    

Franz Schnyder Regisseur

Schnyders Filmstil wird von Kritikern meist als bieder und konservativ beurteilt. So bezeichnet Werner Wider im Buch «Der Schweizer Film 1929-1964» seine Filme als kabarettistische Folklore! Der «Neue Schweizer Film» will sich von den alten «Vätern» abgrenzen, von Kurt Früh, von Leopold Lindtberg und eben von Franz Schnyder! Das Publikum sieht das hingegen anders: Seine Filme kommen praktisch allesamt gut an beim Publikum, auch die periodischen Ausstrahlungen der Filme am Fernsehen erreichen meist hohe Einschaltquoten.

Die sechs Kummerbuben

«Die sechs Kummerbuben», 1968, nach dem Jugendbuch von Elisabeth Müller, ist sein letzter Kinofilm.    












Danach arbeitet er jahrelang an seinem Filmprojekt über Heinrich Pestalozzi. 1978 schliesst er das Drehbuch ab, findet aber keine Geldgeber für die Produktion. Er verliert zunehmend den Bezug zur Realität und verbringt seine letzten Lebensjahre im Psychiatriezentrum Münsingen. Dort stirbt er am 8. Februar 1993, einsam, verwirrt und verbittert.    

Heute geniesst Schnyders Werk breite Anerkennung, auch jüngere Filmemacher stehen ihm positiver gegenüber. So sagt etwa der Schweizer Dokumentarfilmer Christoph Kühn bereits 1985 in einem Beitrag über sein Schnyder-Porträt «FRS – das Kino der Nation»: «Er ist ein passionierter Kino-Mann, den man lange als Filmregisseur gar nicht richtig ernst genommen hat. Er hatte handwerklich Einiges drauf, von dem man auch als jüngerer Filmemacher lernen könnte.»

Schnyder und Kameramann

Und in einem Interview zu seinem Dällenbach-Kari-Film 2012 sagt Regisseur und Oscar-Gewinner Xavier Koller: «Franz Schnyder… für unsere Generation war das damals ja alles Bullshit. Wir wollten dieses Kino zerstören mit unseren neuen, jungen Schweizer Filmen. Später mussten wir feststellen, dass wir da grausam ungerecht waren. Die Filme eines Franz Schnyder haben eine Qualität, die wir lange Jahre unterschätzt haben.» Diese Anerkennung kommt reichlich spät – zu spät für Franz Schnyder!

Besuchen Sie auch die Seite zu den Sonderausstellungen im Gotthelf Zentrum: Im Jahr 2014 dreht sich alles um Franz Schnyder und seinen ersten Gotthelf Film der das 60-Jah-Jubiläum der Dreharbeiten feiert!
 
Spannende Hintergrund-Infos vermittelt die spezielle Franz-Schnyder-Site auf der Homepage des Schweizer Fernsehens unter: www.franzschnyder.srf.tv


Autor: Werner Eichenberger; Quellen: Historisches Lexikon der Schweiz; Werner Wider/Felix Aeppli «Der Schweizer Film 1929-1964, Band 1»; Website Schweizer Fernsehen; Wikipedia  

Franz Schnyder
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