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Gotthelf Hörspiele als Strassenfeger

Walter Muschg, Professor für deutsche Literatur an der Universität Basel ist ein vehementer Gegner der Hörspiele von Ernst Balzli aus den 1940er- und 1950er-Jahren - ein erbitterter Streit zwischen dem Literaturprofessor und dem erfolgreichen Autor ist die Folge.
 

In den Jahren 1947 bis 1953 strahlt Radio Bern eine Reihe von Hörspielen zu Romanen von Jeremias Gotthelf aus. Sie sind äusserst populär und werden zu richtigen «Strassenfegern»: Die ganze Nation sitzt jeweils am Mittwochabend um den Stubentisch (damals gibt es noch keine «Wohnzimmer») und hört gespannt aus dem (meist) einzigen Radioempfänger den Geschichten Gotthelfs zu: 1946/47 «Uli der Knecht» und «Uli der Pächter»; 1948 «Anne Bäbi Jowäger», 1950 «Die Käserei in der Vehfreude» und 1954 unter dem Titel «Peter Käser, der Schulmeister» die «Leiden und Freuden eines Schulmeisters».

Neue Möglichkeiten der Aufnahmetechnik ausgenützt
Die Gestalter der Sendungen machen sich auch die verbesserten Aufnahmetechniken für Live-Klänge und Ambiance-Geräusche zunutze: Wir hören Gegacker von Hühnern, Muhen von Kühen, tickende Uhren, knarrende Stalltüren und schwere Schritte im Kies… damals ganz neue Hörerlebnisse am Radio. Und – bald der wichtigste Kritikpunkt: Die Hörspiele sind in Berndeutsch gehalten!

«Uli der Knecht» - Anfang des Hörspiels aus dem Jahr 1951 mit dem typischen «Groove» der damaligen Zeit.

Die Sendungen führen aber zu einer richtigen Gotthelf Renaissance, und die Verkaufszahlen seiner Romane steigen enorm.

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Emil Zbinden: Illustration zu «Käserei in der Vehfreude», Büchergilde Gutenberg

Dabei sind vor allem die Ausgaben der Büchergilde Gutenberg mit den kraftvollen Holzschnitten von Emil Zbinden sehr populär, in vielen Haushalten finden sich damals die roten Leinenbände.

Autor der Hörspiele ist der Berner Lehrer und Schriftsteller Ernst Balzli (1902 – 1959); seine Adaptationen helfen mit, dass eine ganze Generation die Werke Jeremias Gotthelfs kennen lernt und sie so nicht vergessen gehen.

Heftige Kontroverse
Allerdings führen Balzlis Hörspiele zu einer heftigen Kontroverse: Der Langnauer Lehrer Hans Schmocker, und – vor allem – Walter Muschg, Professor für deutsche Literatur an der Universität Basel, kritisieren Ernst Balzli. Er würde Gotthelf verharmlosen, verstümmeln und ein falsches Bild vermitteln. Es fehle an «Respekt» vor dem echten Gotthelf!

In seiner Schrift «Gotthelf im Radio – eine notwendige Kritik» schreibt Walter Muschg: «Ich mache es … Balzlis Bearbeitungen zum Vorwurf, dass sie Gotthelf in einer zu provinziellen, lokal-bernischen Auffassung präsentieren, die ausserhalb des Kantons Bern heute überholt ist.» Und weiter: «Ich bin gegen die Gotthelf-Sendungen aufgetreten, weil sie unserem Volk ein falsches, jammervoll vergröbertes und verwässertes Bild dieses Dichters vermitteln. Sie haben es um das Beste an Gotthelf betrogen.»

Für uns wirkt dieser Streit eher seltsam: Heute, wo Literatur verfilmt, zu TV-Serien verarbeitet oder in Comics verwandelt wird, kommt uns Walter Muschgs Attitüde doch reichlich akademisch und gar überheblich vor! So sagt er etwa, er sei ihm unbegreiflich, wie man Gotthelf kennen und an den Bearbeitungen Balzlis Freude haben könne. Oder: «Es ist in der Tat gar nicht möglich, für den echten Gotthelf Hunderttausende zu mobilisieren. Und Niemand, dem es um die echte Wirkung Gotthelfs zu tun ist, kann solchen amerikanischen Erfolg wünschen… Dieser Riesenerfolg spricht in den Augen jedes Gotthelfkenners direkt gegen Balzlis Bearbeitungen. In der Kunst ist die Rücksicht auf die Masse das sichere Kennzeichen des Schlechten (!). Hier kommt es nicht auf die Meinung der Mehrheit an…»

«Runder Tisch» im Radiostudio wird zum Debakel
1954, im Jahr des 100. Todestages Gotthelf, eskalierte der Streit. Deshalb führt Radio Bern ein «Gespräch am runden Tisch» durch, an dem Walter Muschg und Hans Schmocker, Ernst Balzli und «Verteidiger» Balzlis teilnahmen. Walter Muschg schreibt in seiner «Replik» sei «unbefriedigend» verlaufen, es wäre gar besser gewesen, die Einladung zum runden Tisch abzulehnen. Er hält fest: «Es stellte sich sofort heraus, dass von … den begeisterten Zuhörern niemand imstande ist, einem literarischen Gespräch zu folgen. Dieses Publikum hat keine Ahnung von künstlerischen Problemen…»

Fredi Lerch schreibt in seinem Blog «Werkstatt» dazu: Zwar unterliegt Balzli auf der Ebene der textkritischen Argumentation, aber auf der Ebene der Gotthelf-Popularisierung macht Muschg keinen Stich. Das Radiopublikum liess sich seinen Balzli nicht einfach vernütigen. Während Muschg und Schmocker nach ihrem Radioauftritt mit brieflichen und telefonischen Belästigungen überhäuft werden, erhält Balzli bis Ende Jahr – wie er später schrieb – exakt 3193 unterstützende Briefe und Karten. Wie viele E-Mails, SMS und «Likes» wären es wohl heute? Trotzdem: Balzli leidet enorm unter den Angriffen von Walter Muschg, gibt seine Arbeit beim Radio auf und kehrt zurück in die Schulstube.

Klar sind indes zwei Tatsachen: Balzlis Hörspiele (genau wie Franz Schnyders Filme) tragen zur Popularisierung Gotthelfs bei - aber sie zementieren auch das (falsche) Bild, Gotthelf habe Berndeutsch geschrieben.

Im Verlauf der Zeit bringt Radio Beromünster / Radio DRS immer wieder Hörspiele zu Gotthelf Romanen, zum Beispiel 1962 den "Bauernspiegel" unter der Regie von Robert Egger in der Bearbeitung von Hans Rugolf Hubler. Hochdeutsch und Berndeutsch kommen gleichermassen zum Zug

«Der Burespiegel», Hörspiel von Hans Rudolf Hubler, Radio DRS, 1962

Auch in den 1970er-Jahren wird am Radio wiederum Gotthelf gesendet, etwa «Leiden und Freuden eines Schulmeisters» in der Bearbeitung von Rudolf Stalder. Er bleibt sprachlich näher am Original und gestaltet längere Passagen in Schriftdeutsch.

«Leiden und Freuden eine Schulmeisters» - Ausschnitt des Hörspiels aus dem Jahr 1974 von Rudolf Stalder - Digitalisierung von alten MC-Kassetten, die Tonqualität ist dementsprechend nicht optimal.
 


   
Walter Muschg kritisiert auch Illustrationen zu Werken Gotthelfs

Keine Hörspiele, keine Filme - aber auch keine Bilder!

«Du sollst dir keine Bildnis machen» ... mit einer fast alttestamentarisch anmutender Vehemenz bekämpft Walter Muschg nebst Hörspielen und Filmen auch bildliche Illustrationen von Werken Gotthelfs.
 

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Illustration von Albert Anker aus der «Käserei in der Vehfreude», «Prachtausgabe» Verlag F. Zahn

Die Stiche Albert Ankers in der «Prachtausgabe» von Otto Sutermeister aus dem Jahr 1895 im Verlag F. Zahn, La Chaux-de-Fonds, kritisiert Muschg so: «Die Illustrationen eines Albert Anker haben das Ihre hinzugetan, um jeden Anschein dämonischer Tiefe aus seinem Bilde wegzuwischen.»

Der Holzschnitter Emil Zbinden wird von Muschg ebenfalls angegriffen – und auch er leidet, ähnlich wie Ernst Balzli, sehr unter dieser Kritik, ist deprimiert, blockiert, er kommt in eine echte Schaffenskrise voller Verunsicherung.

«Gotthelf kann man nicht illustrieren», behauptet Muschg schon 1931 in seiner Untersuchung «Geheimnisse des Erzählers». Diesen Standpunkt vertritt der Basler Professor dem knapp dreissigjährigen Künstler gegenüber auch persönlich, an einem abendlichen Gespräch in Muschgs Sommerresidenz am Thunersee, zu dem Zbinden von Bern mit Velo gekommen ist.

Entgegen den Warnungen Muschgs, man könne Gotthelf nicht illustrieren, «opfert» Emil Zbinden dem grossen Schriftsteller siebzehn Jahre und tritt den Gegenbeweis an. Heute gilt Emil Zbinden als der «kongeniale Gotthelf Illustrator» – sicher zu Recht.

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Emil Zbinden: Illustration zu «Zeigeist und Bernergeist», Büchergilde Gutenberg

Auch die ausdrucksstarken Holzschnitte von Bruno Gentinette zur «Schwarzen Spinne» zeigen doch eindrücklich, dass man Gotthelf sehr wohl «bebildern» kann.
       

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Autor: Werner Eichenberger. Quellen: Walter Muschg «Gotthelf am Radio - eine notwendige Kritik», Francke Verlag, Bern 1954; Emil Zbinden «Landschaften und Menschenbilder», Vorwort von Rea Brändle, Limmat Verlag Genossenschaft, Zürich 1988; Blog «Werkstatt» von Fredi Lerch; Referat von Dr. Thomas Mulerer. anlässlich der Hauptversammlung des Vereins Gotthelf-Stube 2014

Hannes Schmidhauser