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Kirche mit reicher Vergangenheit

Die Jahrzahl über dem Hauptportal zeigt, dass die heutige Kirche seit 1505 besteht. Sie geht allerdings auf eine frühere, romanische Kirche zurück, die zwischen 1100 und 1110 erbaut worden ist.

Das erste Gotteshaus, dessen Grundmauern noch erhalten sind, ist offenbar schon bald zu klein, denn bereits Anfang des 13. Jahrhunderts erfolgt die erste Erweiterung.    

Mauerreste der ersten Kirche

Mauerreste der ersten Kirche, wie sie bei der Gesamtrenovation 1962/63 aufgedeckt werden
(aus Frutiger «Die Gotthelf-Kirche in Lützelflüh»).


Auf der Nordwestseite wird zudem ein Turm angebaut. Die Überreste sind noch heute sichtbar. Ende des 13. Jahrhunderts wird die Kirche zum zweiten Mal erweitert. Zu Beginn des 16. Jahrhunderts wird die noch heute stehende Kirche gebaut und 1505 eingeweiht.

Überreste des ehemaligen Turms

Überreste des ehemaligen Turms auf der Nordwestseite.

Als Gotthelf in Lützelflüh lebt und wirkt, steht noch dieser alte Turm, der gegen das Pfarrhaus gerichtet ist und einen ländlichen Charakter aufweist.    

Aquatinta von Jakob Samuel  Weibel

Kirche und Pfarrhaus 1827, kolorierte Aquatinta von Jakob Samuel Weibel: So sieht wohl Albert Bitzius die Anlage bei seinem Einzug 1831 (aus Frutiger «Die Gotthelf-Kirche in Lützelflüh»).


Der heutige neugotische Turm wird erst 1885/86 erbaut. Die vier Glocken des Turms erklingen in einem Des-Dur-Akkord.

In den Jahren 1962/63 wird die Kirche umfassend renoviert.

Der neugotische Kirchturm

Der neugotische Kirchturm aus den Jahren 1885/86.


Orgel

Nach der Reformation werden im Kanton Bern die Orgeln aus den Kirchen verbannt und erst im Laufe des 18. Jahrhunderts wieder eingeführt.
 
1785 erhält die Kirche in Lützelflüh wieder eine Orgel – eine Orgel mit einem wunderschönen Barockprospekt, der bis heute erhalten geblieben ist. Der Orgelprospekt wird Johannes Melchior Grob aus dem Toggenburg zugeschrieben.

Orgel mit Barockprospekt

Den Auftrag für den Bau der Orgel erhält Meister David Fueter Junior in Bern. Zusammen mit Johannes Melchior Grob, der vermutlich auf der Walz ist, und drei weiteren Gesellen wird die Orgel gebaut. Das Orgelwerk wird natürlich mehrmals ersetzt, zum letzten Mal 1962 durch die Firma Kuhn in Männedorf.

Kanzel
Die Spätrenaissance-Kanzel aus Eichenholz stammt aus der Zeit um 1640. Sie ist mit reichhaltigen Schnitzereien verziert und wird einem Hans Vetter aus Burgdorf zugeschrieben. Gotthelf predigt von dieser Kanzel seinen Schäfchen ins Gewissen.
 
Zur Kanzel gehört das Stundenglas, ein Kunsthandwerk aus dem 18. Jahrhundert. Während den Gottesdiensten wird es auch heute noch eingesetzt.
 
Gotthelf meint einmal, man dürfe über alles predigen, eine Predigt solle jedoch über 20 Minuten dauern und der gesamte Gottesdienst nicht über eine Stunde. Er ist aber derjenige, der meistens «übermarcht». Als die Predigtbesucher wieder einmal unruhig werden und der Sand der Uhr schon lange hinunter geronnen ist, nimmt er das Stundenglas heraus, wendet es um und meint sinngemäss: «So wie ich die Lützelflüher kenne, genehmigen sie sich im Gasthaus auch mehr als ein Glas!»
 
Altarplatte
Im Chor der Kirche befindet sich die spätgotische Sandstein-Altarplatte des letzten Hochaltars aus vorreformatorischer Zeit! Sie kommt bei der Kirchenrenovation 1962 zum Vorschein, als der Boden nach Grabmälern früherer Landvögte durchforscht wird. Die auf zwei Sandsteinwangen ruhende Mensa steht unter Denkmalschutz: Sie ist die einzige Altarplatte dieser Grösse, die in einer Berner Kirche als Abendmahlstisch dient. Im Berner Münster befindet sich eine ähnliche aus schwarzem Marmor, die jedoch die Berner in der Kathedrale Lausanne geraubt und im Februar 1561 bei eisiger Kälte nach Bern transportiert haben.  

Spätgotische Sandstein-Altarplatte

 
Taufstein
Im Chor steht ausserdem ein spätgotischer Taufstein – allerdings bloss in einer Kopie des Originals, das vermutlich aus der Zeit des Kirchebaus um 1505 stammt. Im Deutsch-Französischen Krieg 1871 werden nämlich 247 Bourbaki-Soldaten in die Kirche einquartiert, dabei wird der Taufstein durch die Internierten beschädigt. Die Franzosen stiften darauf Lützelflüh einen neu-gotischen Marmortaufstein, allerdings von geringer künstlerischem Wert. Er kann heute noch bei der Abdankungshalle besichtigt werden kann.

Spätgotischer Taufstein

Anlässlich der grossen Renovation von 1962 ersetzt man den beschädigten Taufstein durch eine ausgezeichnete Kopie des ursprünglichen Taufbeckens aus Sandstein. Die Original-Überreste befinden sich heute im Schlossmuseum in Burgdorf.
 

 
Glasfenster aus 3 Epochen
Die Glasgemälde im Chor werden von der Mayerschen königlichen Hofkunstanstalt in München geschaffen und stammen aus dem Jahr 1900, die Auswahl der Sujets ist nach einem illustrierten Katalog erfolgt.
 
Am wertvollsten sind die Kabinettglasbilder im Fenster auf der linken Seite der Kanzel, zwei Wappenscheiben mit den Wappen von Mülinen und von Scharnachtal, die einander zugeneigt sind; es handelt sich um Schenkungen der Familie Scharnachtal-von Mülinen in der Zeit zwischen 1477 und 1482. Sie stehen in enger Beziehung zum Schloss Brandis.

Wappen von Mülinen und von Scharnachtal

Die beiden Standesscheiben, die «Bären- und Engel-Rondelle», sind Gaben der Gnädigen Herren im Zusammenhang mit der Kirchenerweiterung von 1505.

Bären- und Engel-Rondelle

Im Fenster gegenüber der Kanzel hängen die Glasgemälde «Ritter Georg» und der «Sämann», gestiftet vom Kanton und Synodalrat zur Kirchenrenovation 1962/63.

Ritter Georg und der Sämann

 

Autorin: Verena Hofer; Quellen/Literatur: Max Frutiger: «Die Gotthelf-Kirche in Lützelflüh», Langnau: Berner Zeitung AG 1974; Jürg Schweizer: «Kunstführer Emmental», Wabern: Büchler-Verlag 1982; Karl Fehr: «Jeremias Gotthelf», Zürich: Büchergilde Gutenberg 1954.

Der heutige neugotische Turm






















































































































































Glasgemälde von 1900